Freitag, 17. Mai 2013

Von der Tongrube ins Museum

Ein 11,5 Millionen Jahre alter Baum für das Naturkundemuseum

Im Zuge der Neuaufstellung des Naturkundemuseums im März 2013 fand ein 7 Jahre andauerndes Projekt seinen erfolgreichen Abschluss: Die 2006 bei Grabungsarbeiten gefundene, 11,5 Millionen Jahre alte und 5 m lange Wasserfichte aus der Tongrube Mataschen ist erstmals in voller Größe zu sehen. Ingomar Fritz, Sammlungskurator der Abteilung Geowissenschaften, führte gestern Nachmittag die 15 am Projekt beteiligten Personen durch die Ausstellung im Joanneumsviertel, die sich sichtlich über ein Wiedersehen mit "ihrer Wasserfichte" in der Ausstellung freuten.

Das Treffen des Projektteams am 16. Mai 2013 im Naturkundemuseum, Foto: UMJ/N. Lackner

Die Tongrube Mataschen 


Vor ca. 11,5 Millionen Jahren wurde in der Region um Kapfenstein ein Sumpfwald langsam überflutet und von gewaltigen Schlammmassen bedeckt. Dadurch wurden unzählige Bäume und die zugehörige Lebewelt – Sumpfschildkröte, Riesensalamander, Biber und Fische – im Schlamm eingebettet und versteinert.

Wasserfichte im neu eröffneten Naturkundemuseum, 2013, Foto: UMJ/N. Lackner

Die Grabungen


Seit 1998 organisiert die Abteilung Geowissenschaften des Universalmuseums Joanneum (vormals Abteilung Geologie & Paläontologie des Landesmuseums Joanneum) in der Tongrube Mataschen (Kapfenstein, Oststeiermark) Fossiliengrabungen. Neben zahlreichen Versteinerungen wurde im Zuge des Tonabbaus auch eine Vielzahl von Bäumen in der Tongrube Mataschen freigelegt; eine Erhaltung dieser fossilen Zeugen einer ehemaligen Sumpflandschaft war aber nie gelungen, da die Baumstrünke mit Durchmessern bis 1,5 m und Höhen von knapp 5 m schwach inkohlt sind und in kleine Stücke zerbrechen, sobald sie aus dem feuchten Ton freigelegt werden und zu trocknen beginnen. 

Im Jahr 2005 wurden anlässlich einer Fossiliengrabung mit Schülerinnen und Schülern auch Proben von derartigen Hölzern genommen und in bergfeuchtem Zustand an Herrn Dr. Hoffmann im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven zur Analyse und Begutachtung geschickt. Sein Wissen über und seine Erfahrung mit der Konservierung von wassergesättigten urzeitlichen Hölzern haben in der Folge die entsprechende Rezeptur zur Konservierung des Baumes aus Mataschen erbracht. Dabei handelte es sich um ein Konservierungsmittel der Gruppe Polyethylenglykol (PEG), das für die Konservierung von Hölzern besonders geeignet ist.

Fossiliengrabung mit Schülerinnen und Schülern in der Tongrube Mataschen (Kapfenstein, Oststeiermark), 2005, Foto: UMJ

Diese Rezeptur stellte die Voraussetzung für ein mehrjähriges Konservierungsverfahren des fossilen Baumes dar. In einem ersten Gespräch wurde auch die Koordinierung von Bergung, Transport und Lagerung eines Baumes – sobald dieser in passender Größe und geeignetem Erhaltungszustand im Zuge des Tonabbaus zum Vorschein kam – besprochen. Neben der Firma Lias Österreich GesmbH sagten auch die Gemeinde Kapfenstein und die Freiwillige Feuerwehr Mahrensdorf ihre Unterstützung dieser Arbeiten zu. Die Firma Clariant, Erzeuger von Spezialitätenchemie, war vom Projekt sehr angetan, stellte das Konservierungsmittel PEG kostenlos zur Verfügung und hatte trug somit maßgeblich zur Verwirklichung bei.

Am 18. August 2006 war es so weit: Gleich drei Bäume wurden gesichtet und konnten geborgen werden. Mit schwerem Gerät wurden die vorbereiteten Grabungsarbeiten durchgeführt, mit viel Fingerspitzengefühl durch den Baggerfahrer wurde der Baumriese mitsamt seinem Wurzelbereich freigelegt und von seiner tonigen Ummantelung befreit.

Stück um Stück – die Bäume waren bereits vor Millionen Jahren im Zuge der Verfestigung des umgebenden Tonmaterials abgeschert worden – wurden die einzelnen Baumteile mit Seilen und Gurten geborgen. Danach erfolgte die zeitaufwendige Säuberung, denn die Tonhülle musste zur Gänze entfernt werden. Neben Geologenhammer, Spateln und Bürsten half vor allem ein Druckreiniger mit hohem Wasserdruck beim Säubern. Die Baumstücke mussten nach der Freilegung permanent feucht gehalten werden, um ein Trocknen und damit verbundenes Zerreißen zu verhindern.

Das sichtlich glückliche Bergungsteam in der Tongrube Mataschen, 2006, Foto: UMJ

Die Konservierung


Nach der Reinigung erfolgte der Lkw-Transport von Kapfenstein nach Söchau, wo in einem Lagerraum, den der Paläontologe des Universalmuseums Joanneum, Martin Groß, zur Verfügung gestellt hatte, bereits ein stabiles, wasserdichtes Becken (310 cm x 200 cm x 140 cm) vorbereitet war. Das Einlegen der Baumteile in dieses Becken wurde von einem Traktor mit Vorderlader unterstützt und war aufgrund der Baum- und Raumgrößen Maßarbeit.

Die Füllung des Beckens mit einer 25-prozentigen Lösung von PEG 200 wurde durch die Freiwillige Feuerwehr Söchau mit einem Tanklöschfahrzeug unterstützt. Nach zwei Jahren wurde der Baum in einer 50-prozentigen Lösung PEG 3350 für weitere zwei Jahre eingelegt. Der gesamte Prozess dauerte vier Jahre.


Im Konservierungsprozess stehendes Baumstück in der früheren naturkundlichen Schausammlung, 2006, Foto: UMJ


Ab September 2006 bekamen Besucherinnen und Besucher anlässlich der Sonderausstellung Die Urwelt – Fossile Reste und ihre gemalteInterpretation im Naturkundemuseum einen im Konservierungsprozess stehenden, 1,7 m langen Baumteil zu sehen. Danach wurde das Objekt, das in einem  Plexiglasrohr mit 45 cm Durchmesser aufbewahrt wurde, in der früheren naturkundlichen Schausammlung in der Raubergasse ausgestellt.


Seit der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Naturkundemuseum am 15. März 2013 ist der knapp 5 m hohe Baumstrunk der Wasserfichte nun erstmals in seiner ganzen Pracht zu sehen. Ein kleineres Exemplar ist seit 2011 im Museum Geo-Info Kapfenstein ausgestellt. 
 

Dienstag, 30. April 2013

#IMT13-Blogparade: Photowalk im Österreichischen Skulpturenpark

Der Internationale Museumstag 2013 steht heuer unter dem Motto „Vergangenheit erinnern – Zukunft gestalten: Museen machen mit“ und wird erstmals auch digital beworben. Die Kulturkonsorten - ein Netzwerk von vier Social Media-erprobten Fachleuten aus dem Kulturbereich - haben das zum Anlass genommen und zur IMT13-Blogparade aufgerufen, an der wir uns gerne beteiligen, zumal unsere Veranstaltung ebenfalls mit digitaler Kulturvermittlung zu tun hat.  

Foto: UMJ

Freier Eintritt in alle Standorte und Ausstellungen des Joanneums 

Das Universalmuseum Joanneum lädt Besucherinnen und Besucher schon seit Jahren dazu ein, seine Standorte und Ausstellungen am Internationalen Museumstag gratis zu besuchen. So gibt es auch heuer wieder ganztägig die Möglichkeit, Kunst und Kultur "kostenlos, aber nicht umsonst" zu genießen.

Erster Joanneums-Photowalk

Allerdings nutzen wir den Internationalen Museumstag dieses Jahr auch dazu, um weitere Erfahrungen mit Social-Web-Veranstaltungen zu machen.
Nach dem erfolgreichen Tweetup im Rahmen der Eröffnung des Naturkundemuseums organisiert der Österreichische Skulpturenpark, der heuer sein 10-jähriges Jubiläum feiert, am 12.5. einen „Photowalk“ durch den sieben Hektar großen Park.

Die Kamera als Eintrittskarte

Worum es sich bei einem Photowalk handelt, wird auf www.photowalk.at sehr gut beschrieben.
„Das Wort Photowalk kommt von ,photowalking', wobei eigentlich nur das Gehen (walk) mit einer Kamera gemeint ist. Dabei [also beim Gehen] werden Fotos gemacht […] In erster Linie geht es hier um den Spaß am Fotografieren und das Verbessern der eigenen Fähigkeiten mit der Kamera. Man kann und soll sich dabei mit den anderen TeilnehmerInnen austauschen und neue Erfahrungen sammeln.“  
(Quelle: http://www.photowalk.at/was-ist-photowalkat/, 27.04.2013)

Los geht's um 14 Uhr im Skulpturenpark. Alles, was man zur Teilnahme benötigt, ist eine Fotokamera. Im Anschluss an den Rundgang, der bis ca. 16:30 Uhr dauert, kehren wir im nahegelegenen Hotel Courtyard Marriott ein, wo die Bilder dann auch gleich über den Beamer betrachtet werden können und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit haben, sich untereinander auszutauschen.
Foto: UMJ

Bilder Flickr, Facebook und im Web

Die fotografischen Ergebnisse des Photowalks sind dann natürlich auch im Netz zu finden: Auf der Website des Universalmuseums Joanneum sowie in der Flickr-Sammlung und  der Facebook-Seite des Österreichischen Skulpturenparks. Dem Internationalen Museumstag entsprechend werden die Fotos mit den speziellen Tags #IMT13 und #ÖSP versehen - und wer weiß, vielleicht verirrt sich das eine oder andere Bild auch auf Twitter. :-)


Photowalk im Österreichischen Skulpturenpark
Thalerhofstraße 85, 8141 Unterpremstätten
Termin: 12.05., ab 14 Uhr 
Anmeldung und Information: per Facebook oder per Mail (johanna.hofer@museum-joanneum.at).

Anreise mit dem Bus:
Die Buslinien U630 und 671 fahren täglich vom Grazer Jakominiplatz direkt zum Österreichischen Skulpturenpark, Fahrtzeit ca. 30 Minuten. Informationen zu den Fahrplänen unter:

Anreise mit dem Auto:
Autobahn A9, Abfahrt Schachenwald. Ausreichend Gratisparkplätze sind vorhanden.


Freitag, 26. April 2013

Unsere Dachböden unter die Lupe genommen…

Die Dachböden im Volkskundemuseum werden derzeit aus neuer Perspektive unter die Lupe genommen. Frau Prof. Katharina Eisch-Angus vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie ist mit ihren Studierenden in diesen Monaten im Rahmen einer Lehrveranstaltung in unserem Haus und im Besonderen auf unseren Dachböden unterwegs.

Im Gepäck haben sie Fragen zu bestimmten Themenkreisen. Die Dachböden werden als Gedächtnisorte voller Dinge aus unterschiedlichen Zeiten, Bedeutungs- und Gebrauchskontexten herangezogen. Dabei arbeiten die Studierenden in Arbeitsgruppen und untersuchen etwa Sammlungsstücke zur Speisenkultur, zu Liebe, Sexualität und Intimität, zu Hygiene und Reinlichkeit, zu verschiedensten Genussmitteln sowie zu den kleinen Freuden des Alltags.





Frauenmieder im Depotschrank des Volkskundemuseums
Im Mittelpunkt stehen Ansätze einer kulturwissenschaftlichen Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, die nicht auf historische Faktensuche aus ist, sondern Dinge des alltäglichen Gebrauchs auf ihr Erinnerungspotenzial hin befragt. Dabei spielen gerade die Sammlungen der Museen zur Alltagskultur – somit auch jene unseres Volkskundemuseums – eine entscheidende Rolle.

Damenfächer
Tabakbeutel
Im Zuge dieser Recherchen wird natürlich auch unsere Bibliothek mit den eigens dafür zusammengestellten thematischen Handapparaten zum Brennpunkt des Geschehens. Die österreichweit einzigartige Systematisierung nach Aufsätzen, sogenannten „unselbstständigen Werken“, in der Bibliothek des Volkskundemuseums liefert sehr umfassende und detaillierte Suchergebnisse.

Ruperta Steinwender und Uta Mogel bei ihren Recherchearbeiten
Das Spannende für unser Haus bzw. unsere Mitarbeiter/innen selbst ist: Wenn junge studierende Menschen ihre Blicke auf unsere Sammlungen werfen, ergeben sich ganz spezielle Fragen und interessante Anschauungen zum Umgang mit den Erinnerungen, und es zeigen sich unterschiedlichste Ebenen von Wertschätzungen. Bisherige Erfahrungswerte werden mit neuen Sichtweisen ergänzt. Es durchkreuzen sich die verschiedensten Zugänge und jeder einzelne nimmt neue Geschichten, neue Ideen und Ansätze mit. Man könnte auch sagen: Die Patina, die den Dingen der Vergangenheit anhaftet, wird „angekratzt“.

Essbesteck im Depotschrank des Volkskundemuseums
Wir freuen uns, dass bei diesem Projekt das Volkskundemuseum mit seiner Sammlung Ort des Geschehens ist und hoffen, mit Hintergrundinformationen und Anregungen die Studierenden bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten unterstützen zu können.

Aus unserer Sicht (und hoffentlich auch aus der des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie): eine echte Win-win-Situation.


Fotos und Text: Martina Edler

Donnerstag, 18. April 2013

Alles nur Theater - Inszenierungen des Leidens

Unerträgliche Qual, gelindert durch Barmherzigkeit, gebrochener Blick und selbstlose Hingabe - das ist der Stoff, aus dem Dramen geschaffen werden. Ein solches Drama ist die „Pflege des heiligen Sebastian“ aus der großen Werkstatt des italienischen Barockmalers Domenico Piola, der kein einsames Genie, sondern Haupt eines Familienbetriebs war, der sog. „Casa Piola“, die im Genua des späten 17. Jahrhunderts das Geschäft glanzvoller Dekoration betrieb.


Domenico Piola, Werkstatt, Hl. Sebastian, Foto: UMJ

Mochte die alte Seerepublik an der ligurischen Küste, vor Jahrhunderten erbitterte Rivalin Venedigs, ihren Zenit auch längst überschritten haben, auf die Produktion gemalter Größe, die „Große Manier“ (gran maniera) verstand sie sich immer noch.

Das Gemälde zählt zu den weniger bekannten Schätzen der Grazer Altmeistersammlung, der Alten Galerie, die schon seit 2005 in Schloss Eggenberg beheimatet ist. Vor sechs Jahren, 2007, wurde es erstmals aus der Versenkung geholt, restauriert und im Rahmen einer kleinen Ausstellung („Heroen und Heilige“) in Schloss Eggenberg gezeigt. Seinerzeit erhielt es folgenden Text:

Der Legende nach erlitt der römische Offizier Sebastian, wegen seines Bekenntnisses zum Christentum unter Kaiser Diokletian das Martyrium
Von Pfeilen durchbohrt, überlebte er zunächst, weil die hl. Irene ihn heimlich pflegte. Später wurde Sebastian wiederum angeklagt und getötet. Der Betrachter soll den Schmerz des Märtyrers nachvollziehen und dessen Standhaftigkeit zum Vorbild nehmen: constantia. Irene gibt ein Beispiel der Barmherzigkeit: misericordia. Sebastian ist einer der großen Pestpatrone. Die Pfeile symbolisieren die Ausbreitung der Epidemie. Besonders betroffen waren die großen Hafenstädte wie Venedig und Genua, die Heimat des Malers.


Ein typisches barockes Heiligenbild also, das uns sofort fesselt. Allein der Übergang vom stabilen Stand des Gemarterten zum langsamen Hinsinken – das will gut in Szene gesetzt sein und fordert die Konkurrenz heraus. Lange vor Piola stand das Sebastians-Motiv schon bei den ganz Großen des großen Maßstabes hoch im Kurs: Peter Paul Rubens und Anton van Dyck, diesen beiden Giganten der flämischen Malerei, die übrigens auch mit Genua einiges zu schaffen hatten. Auch die ganz Großen des kleinen Maßstabs, die Meister der Bronzeplastik des frühen Barock, fanden hier eine Bewährungsprobe ihres Könnens: der Florentiner Pietro Tacca oder der Flame François Duquesnoy.

Gleichzeitig fordert uns das Bild zum Widerstand heraus. Hier soll ich vereinnahmt werden, denkt man sich unwillkürlich – ist das legitim? Ja, denn sonst wäre ausnahmslos jeder Überzeugungsversuch illegitim. Nicht nur jeder Werbestratege weiß: Auch das, was wir nur beiläufig wahrnehmen, beschäftigt uns, prägt und manipuliert uns auch. Maler und Bildhauer waren gerade im 16. und 17. Jahrhundert routinierte Regisseure, die oft ihre Angehörigen mit beschäftigten, Domenico Piola und seine „Firma“ ganz sicherlich. Von einem noch berühmteren Vorgänger, von Venedigs Großmaler Tintoretto, weiß man, dass er zur Vorbereitung der Lichtregie für seine gemalten Dramen mit Miniaturbühnen und selbstgekneteten Figürchen hantierte.

Alles nur Theater? Oder eine Performance, wie man heute sagen würde? Ja, es ist nichts anderes. Aber ein Schauspiel, das ernst genommen werden will. Und das ist nur dann der Fall, wenn das Spiel zugleich ernst ist, ihm also Herrschaft über das eingeräumt wird, was man „Gefühlshaushalt“ nennt.

„Daher muss man denken, dass jemand, der solch tragisches Schauspiel sieht, sehr bald, obwohl er nicht an diesen Trübnissen und Schmerzen teilhat, außer sich ist, mit trauriger, melancholischer und in gewisser Weise auch erschreckter Miene.“


So der Mailänder Maler Giovanni Paolo Lomazzo in seinem „Traktat über die Kunst der Malerei, der Bildhauerei und der Architektur“ von 1584. Dies galt auch ein, zwei Jahrhunderte später. Keine Angst vor eingebildeten Verbotstafeln der Aufklärung. Die gibt es nämlich nicht. Denis Diderot, Jesuitenschüler und Bannerträger der Pariser Enzyklopädisten, von Autor Philipp Blom unlängst (2011) flott zum „bösen Philosophen“ geadelt, trug noch dicker auf:

„Rühre mich, mach mich staunen, zerreiß mir das Herz, lass mich zittern, weinen, staunen, mich entrüsten – dann erst erquicke meine Augen!“


"Schiffbruch mit Zuschauer“,
hat das der moderne Philosoph Hans Blumenberg genannt. Und dieser moderne Zuschauer, dem gerne Teilnahmslosigkeit nachgesagt wird, hat die Lektion von der compassio, dem Mit-Leiden, nicht verlernt. Nicht umsonst hieß das Kino früher „Lichtspiel-Theater!“ Wer wollte jenen Total-Kameraschwenks, wie sie in Dr. Schiwago oder Vom Winde verweht eine ganze Geschichte erzählen, ihre Wirkung absprechen? Leinwand bleibt Leinwand, und Regisseur bleibt Regisseur, ob Tintoretto oder David Lean.

Die Skala ist also breit: Sie reicht vom Rührstück bis hin zur moralischen Empörung – nur wagt man der Empört-Euch-Rhetorik gegenüber nicht so schnell, von Manipulation zu sprechen. Übrigens reicht auch das heimische Wohnzimmer-TV zum privaten Emotionstheater. Es hat eben nicht nur das Dumme, sondern fast alles, was vors Auge gestellt wird, ein magisches Recht. Der Geist muss deswegen aber kein Knecht bleiben.




Berlinde De Bruyckere, Les Deux, 2001, Pferdehaut, Polyester, Eisenböcke;
330 x 180 x 550 cm, Courtesy der Künstlerin, Hauser & Wirth und Galleria Continua,
Foto: Mirjam Devriendt
Berlinde de Bruyckere, diese stark vom Kulturerbe ihrer Herkunftsregion geprägte Künstlerin, hat indessen keine Heiligen in den Blick genommen, um über das Leiden zu reflektieren. Wozu auch, hatte die Kunst ihrer belgischen Heimat doch längst andere Märtyrer entdeckt, deren Leiden direkt in unsere Zeit ragt: Hatten sich Maler und Bildhauer des Barock noch vom herabgleitenden Körper des hl. Sebastian künstlerisch herausgefordert gesehen, sollte es im Industriezeitalter, dessen volle Wucht in Belgien spürbar wurde, eine andere Kreatur sein, die auch eine andere Leidensgeschichte vorträgt, die von den Kohlenhöllen des Pays noir: Constantin Meuniers Vieux cheval de mine (1890), ein namenloser alter Grubengaul. Es scheint fast, als habe Berlinde de Bruyckere mit Les Deux sein Erbe angetreten.


Text: Ulrich Becker

Veranstaltungstipp: Der durchdringende Blick auf den Körper, Gespräch und Spezialführung zum internationalen Slow Art Day
27.04.2013, 12:00 Uhr

Donnerstag, 4. April 2013

Verborgenes sehen lernen

Strahlendiagnostische Untersuchungen an zwei Altarfragmenten der Alten Galerie Graz

Zwei kleinformatige, beidseitig bemalte Altarflügel zählen seit ihrer Schenkung durch Ignaz Graf Attems an das Joanneum im 19. Jahrhundert zu den Hauptwerken der Mittelaltersammlung.

Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Vorderseite): Löwe, um 1470/80,
aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 327

Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Rückseite): Ermordung des hl. Thomas Becket, um 1470/80, aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 327

Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Vorderseite): Stier, um 1470/80,
aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 326

Michael Pacher, Umkreis, Altarflügel (Rückseite): Aufbahrung des Heiligen, um 1470/80,
aus dem Kloster Neustift bei Brixen, Inv.-Nrn. 326

Die Tafeln zeigen auf der Vorderseite die Evangelistensymbole Stier und Löwe, auf der Rückseite das Martyrium und die Aufbahrung des englischen Kanzlers und Erzbischofs Thomas Becket. Aufgrund ihrer vorzüglichen malerischen Qualität werden sie dem Tiroler Künstler Michael Pacher (1430/35 - 1498) und seinem Kreis zugeschrieben. Die große, überregionale Bedeutung der Gemälde beweisen zwei Leihansuchen von renommierten Museen in Madrid (2007) und Rom (2009), wohin die Tafeln in einer speziell angefertigten Sicherheitsbox aus Glas und Stahl, die klimaausgleichend wirkt, auch tatsächlich gereist sind.

Ein geplantes Buchprojekt des Innsbrucker Pacher-Spezialisten Lukas Madersbacher war uns während der heurigen Schließzeit Anlass, die vorhandene fotografische Dokumentation der beiden Holztafeln, die im Rahmen der Konservierung und Restaurierung vorgenommen wurde, nach dem neuesten Wissensstand auszuwerten. Die Lesbarkeit solcher hochtechnisierten Aufnahmen erfordert viel Wissen und Erfahrung auf dem Gebiet. Die jungen Restauratorinnen im Team von Chefrestaurator Bernhard Eipper, Anna Bernkopf, Julia Hüttmann und Stefanie Gössler, hatten während ihrer Ausbildung an der Universität für angewandte Kunst in Wien die Gelegenheit, die verschiedenen Methoden der zerstörungsfreien Bilduntersuchung kennenzulernen. Im folgenden Beitrag werden sie erklären, wie das strahlendiagnostische Fotomaterial in der Praxis interpretiert wird. Erst nach dieser eingehenden Analyse sind die Aufnahmen auch für die Kuratoren von großem Interesse, da sie viel über den maltechnischen Aufbau, etwaige Vorzeichnungen, die Malweise des Künstlers sowie über den Zustand und vorangegangene Restaurierungen eines Gemäldes aussagen. (
Text: Dr. Helga Hensle-Wlasak, Sammlungskuratorin Alte Galerie)


Oberflächenuntersuchungen


Bei den strahlendiagnostischen Untersuchungen wird zwischen Oberflächenuntersuchung und Tiefenuntersuchung unterschieden.

Zu den Oberflächenuntersuchungen zählt neben der Betrachtung mit sichtbarem Licht auch die Untersuchung mit langwelligen UV-Strahlen.

Dabei wird die unterschiedliche Reflektions- bzw. Absorptionsfähigkeit der Materialien eines Gemäldes genutzt, um in der UV-Aufnahme verschieden helle oder dunkle Kontraste zu erhalten. Zusätzlich erzeugt UV-Licht in bestimmten Materialien eine entsprechende Fluoreszenz, wodurch diese sichtbar gemacht und bestimmt werden können. So fluoresziert etwa Schellack leuchtend orange und ein Naturharz-Firnis gelb-grünlich. Diese Fluoreszenz der Naturharze nimmt mit der Alterung zu (ab 80 Jahren), wodurch jüngere Retuschen und Übermalungen im UV-Licht sichtbar gemacht werden können. Sie liegen über dem gealterten Firnis und erscheinen daher im UV-Licht dunkler als dieser.

Detail im UV Licht, auf dem Firnis liegende Retuschen

Detail im normalen Licht


Tiefenuntersuchungen

Zu den Tiefenuntersuchungen an Gemälden zählt die Röntgen- sowie Infrarotuntersuchung. Mit der langwelligen Infrarotstrahlung lassen sich tiefer liegende Malschichten und vor allem die auf der Grundierung ausgeführte Unterzeichnung erfassen. Die dafür meist verwendeten kohlenstoffhaltigen Materialien wie Holzkohle oder Ruß absorbieren die IR-Strahlung. Die Unterzeichnungen werden dadurch in den schwarz-weißen Ergebnisbildern dunkel abgebildet. In manchen Fällen ist dabei sogar eine Bestimmung des Zeichengerätes möglich.

Daneben können auf diese Art Pentimenti (vom Künstler durchgeführte Änderungen des Bildprogramms), Retuschen sowie Übermalungen sichtbar gemacht werden.
 
Detail, Infrarotaufnahme:
Linker Pfeil: schraffierte Unterzeichnung, rechter Pfeil: Pentiment im Bereich der Hand. Für die Unterzeichnung wurde vermutlich ein Pinsel verwendet

Detail im normalen Licht

Die mit kurzwelliger Strahlung arbeitende Röntgenanalyse beschreibt Mairinger in seinem Standartwerk für Strahlenuntersuchung an Kunstwerken folgendermaßen: „Röntgenstrahlen vermögen undurchsichtige Körper zu durchdringen, wobei sie je nach Dicke und materieller Beschaffenheit der Objekte eine mehr oder weniger starke Schwächung erleiden.“

Die unterschiedlich geschwächten Strahlen treffen auf einen dahinterliegenden fotographischen Film, auf welchem ein Strahlungsrelief abgebildet wird. Zum Beispiel je heller der abgebildete Bereich, desto dichter war das Material. Sehr aussagekräftige Materialien sind etwa Pigmente wie Bleiweiß, welche Schwermetalle enthalten. Schwermetalle absorbieren die Röntgenstrahlen bzw. verhindern ein Durchdringen, sodass diese Bereiche am Röntgenfilm hell erscheinen. Es wird dadurch nachvollziehbar, wo der Künstler Bleiweiß
[1] eingesetzt hat, um Helligkeiten in der Darstellung zu erzeugen oder um Körper zu modellieren.

Bei der Auswertung der vorliegenden Röntgenaufnahmen muss beachtet werden, dass die Altarfragmente auf Vorder- und Rückseite bemalt sind. Es kommt dabei zu fotografischen Überlagerungen, was die Lesbarkeit und Deutung der Aufnahmen erschwert. Die Flügelkontur der Darstellung des Löwen auf der Rückseite ist gemeinsam mit der figurenreichen Darstellung der Tötung des hl. Thomas Becket der Vorderseite sichtbar.


Röngtenaufnahme

Ausschnitt der Vorderseite des Bildes im normalen Licht

Ausschnitt der Rückseite des Bildes im normalen Licht

Die Holzstruktur des Bildträgers wird in den Röntgenaufnahmen nicht sichtbar, da der Künstler, wie es ab dem 15. Jhdt. üblich war, eine Bleiweiß-Schicht über der Grundierung aufgetragen hat[2]. In den vergoldeten Bereichen wurde diese Schicht ausgespart, wodurch sie in der Röntgenaufnahme dunkler erscheinen.

Ein weiteres interessantes Detail ist, dass der Künstler im Rahmen der Unterzeichnung perspektivische Linien an Architekturelementen eingeritzt hat, damit bei deckendem Farbauftrag diese Konstruktionslinien sichtbar bleiben. In den Röntgenaufnahmen entdeckt man bei den Torbögen im Hintergrund auch den Einstichpunkt eines Zirkels, mit welchem die Bögen in die Grundierung eingeritzt worden sind
[3]

Detail, Röntgenaufnahme:
Einstichpunkte des Zirkels für die Ritzung der Torbögen in die Grundierung (gelbe Pfeile)

Detail im normalen Licht

Am Röntgenbild können auch Aussagen zum Zustand des Gemäldes getroffen werden. So wird das tatsächliche Ausmaß einer Fehlstelle im Malschichtpaket bis zum Bildträger unter Retuschen und Übermalungen sichtbar.

Detail, Röntgenaufnahme:
Die dunklen Flecken im Röntgenbild sind Fehlstellen im Malschichtpaket,
die im heutigen Zustand gekittet und retuschiert sind

Detail im normalen Licht


Text: Mag. Anna Bernkopf, Mag. Stefanie Gössler, Mag. Julia Hüttmann
Fotos: UMJ


[1] Bleiweiß ist ein basisches Bleikarbonat, welches bis ins 19. Jhdt. als einziges Weißpigment in der Ölmalerei eingesetzt wurde. „Beim Röntgen eines Gemäldes wird ein mehr oder weniger ausgeprägtes Bleiweißgerüst sichtbar. Dieses Bleiweißgerüst ist in den Inkarnaten bis ins 16. Jhdt. nur in feinen Lichthöhungen zu erkennen. Die helle Grundierung und die subtraktive Farbmischung machen eine stärkere Verwendung von Bleiweiß unnötig. Erst in der Malerei des 17. Jhdts., z.B. bei Rembrandt und Rubens, ist auf den Röntgenfotos ein ausgeprägtes Bleiweißgerüst zu erkennen.“ Nicolaus, K., DuMonts Handbuch der Gemäldekunde, 2003, Köln, S. 201 f.

[2] Diese Schicht wird auch als „Imprimitur“ bezeichnet und dient zur Verringerung der Saugfähigkeit des Grundes sowie um die Leuchtkraft der darüber aufzutragenden Farblasuren zu erhöhen. Mairinger, F., Strahlenuntersuchung an Kunstwerken, 2003, Leipzig, S. 204.

[3] „Die beim Graviervorgang entstandenen Gräben werden beim nachfolgenden Malvorgang aufgefüllt und erscheinen wegen ihrer größeren Schichtdicke im Röntgenbild als helle Linien.“ Mairinger, F., Strahlenuntersuchung an Kunstwerken, 2003, Leipzig, S. 214.

Mittwoch, 27. März 2013

Schlösser im Schloss. Vom Fallriegel bis zum Mikrochip

Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"
Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"
Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"
Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"Ausstellungsansicht "Schlösser im Schloss"
Eine kulturgeschichtliche Reise durch das Schloss, die Schlüssel und die Schlösser sowie das Thema Sicherheit: Herausragende Objekte regionaler, nationaler sowie internationaler Provenienz aus der "Schell Collection Graz" stehen im Zentrum dieser Sonderausstellung und erzählen über Phänomene aus den Bereichen Mythologie, Technik, Kunst oder Psychologie.
Kunstvoll gestaltete Kästchen und Kassetten verweisen auf die wertvollen Inhalte und die herausragende Handwerkskunst. „Die Macht des Schlüssels“ in Kulturgeschichte und Kunst wird dabei eindrucksvoll beleuchtet - von der Schlüsselübergabe an den heiligen Petrus bis zum „Key Account Manager“ und zu den Themen „Einsperren“, „Aussperren“ und „Ausgrenzen“.
Unter Einbeziehung des barocken Gebäudes Schloss Trautenfels, das einst als Wehranlage errichtet wurde, erreichen Besucherinnen und Besucher das Museum erst durch mehrere „Sicherheitszonen“. Mit einem Rundgang durch das Gebäude wird erst bewusst, wie oft wir durch Türen gehen oder Barrieren überschreiten. 


Themen wie die Kultur des Eigentums, Erfindungen im Zeichen der Sicherheit, Technik- und Handwerksgeschichte, volkskundliche, rechtshistorische, psychologische, literarische und religionshistorische Themen, sowie die Symbolik von Schloss und Schlüssel werden anhand von ausgewählten Objekten erläutert.

Je nach Kulturkreis und Zeit wurden die Schlösser unterschiedlich konstruiert und gestaltet. Die Ausstellung präsentiert ein breites Spektrum verschiedener Schlosstypen und Schlüssel sowie Kästchen und Truhen aus Europa, Asien und Afrika.

Im internationalen Kontext gesehen, lassen die Techniken des Sicherns und Verschießens oft überraschende Vergleiche zu.

Laufzeit: 23. März bis 31. Oktober 2013,
täglich 10-17 Uhr

Schloss Trautenfels
Trautenfels 1,8951 Pürgg-Trautenfels
Tel.: 03682/22233-0
trautenfels@museum-joanneum.at, www.museum-joanneum.at

Einen tollen Blogpost zur Ausstellung hat übrigens auch Christoph Schattleitner geschrieben. Nachzulesen unter Schlösser im Schloss Trautenfels